Portrait Ruedi Signer

Weltmeister 1997, Experte 2026: Warum Ruedi Signer noch immer für die WorldSkills brennt

Als Ruedi Signer 1997 in St. Gallen Weltmeister wurde, war die heutige WorldSkills-Welt noch eine andere. Keine sozialen Medien, kein WhatsApp, kaum Ablenkung. Fast 30 Jahre später begleitet er noch immer Schweizer Maurer-Talente auf ihrem Weg an die Berufsweltmeisterschaften – in einer Zeit, in der Informationen in Sekundenschnelle um die Welt gehen. Im Gespräch erzählt er von Fokus, Ehrgeiz und warum die WorldSkills weit mehr sind als ein Wettkampf.

Text: Petra Stocker

Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben

Ruedi, 1997 wurdest Du in St. Gallen Weltmeister. Was geht Dir als Erstes durch den Kopf, wenn Du heute daran zurückdenkst?
Ruedi: Viele gute und positive Erinnerungen. Stolz, Glück und Emotionen. Es war ein einschneidendes Erlebnis für mein ganzes Leben.

Gab es einen Moment während des Wettkampfs, in dem Du gespürt hast: Heute könnte etwas Aussergewöhnliches passieren?
Ruedi: Ich war extrem fokussiert. Obwohl der Wettkampf in St. Gallen stattfand und viele Leute aus meinem privaten Umfeld da waren, habe ich praktisch nichts davon mitbekommen. Nach dem Wettkampf fragte ich sogar meine damalige Freundin, ob überhaupt jemand zugeschaut hatte. Zudem half mir die Überzeugung, dass ich gewinnen würde, enorm dabei, den Fokus zu behalten.

Mindset ist alles. Ich war davon überzeugt, dass ich gewinnen würde.

Was hat dieser Titel damals für Dich verändert?
Ruedi: Die persönliche Entwicklung war enorm. Das beobachte ich bis heute bei den Kandidaten, die ich begleite. Man entwickelt sich fachlich weiter, aber vor allem menschlich. Durch die Trainings, die Zeit im Nationalteam und die vielen Begegnungen lernt man unglaublich viel fürs Leben. Gleichzeitig habe ich damals gemerkt, dass man nach einem solchen Höhepunkt auch in ein kleines Loch fallen kann. Deshalb ist es wichtig, nach den WorldSkills wieder neue Ziele und Herausforderungen zu finden.

Seit über 20 Jahren Teil der WorldSkills-Familie

Heute stehst Du nicht mehr selbst im Rampenlicht, sondern begleitest Robin auf seinem Weg. Fällt Dir das leichter oder schwerer als damals selbst anzutreten?
Ruedi: Dank meiner eigenen Erfahrungen kann ich mich gut in die Kandidaten hineinversetzen. Ich weiss, wie sich der Druck anfühlt und welche Gedanken einem vor einem Wettkampf durch den Kopf gehen. Gleichzeitig gehört der Erfolg immer dem Kandidaten. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich kann Erfahrungen weitergeben, Möglichkeiten aufzeigen oder Denkanstösse geben – umsetzen muss es am Ende jeder selbst.

Ruedi Signer 1997 an den WorldSkills in St. Gallen

Was macht die Rolle als Experte für Dich spannend?
Ruedi: Einerseits sind es die Emotionen. Wenn man selbst einmal WorldSkills erlebt hat, bleiben diese Erinnerungen ein Leben lang. Als Experte darf ich diese besondere Atmosphäre immer wieder miterleben. Zudem treffe ich an den Wettkämpfen viele bekannte Gesichter aus der ganzen Welt. Die WorldSkills sind wie eine grosse Familie, und jedes Wiedersehen ist etwas Besonderes.

Wie hat sich die Vorbereitung auf internationale Berufsmeisterschaften in den letzten 30 Jahren verändert?
Ruedi: Früher war man in der Vorbereitung deutlich mehr auf sich allein gestellt. Es gab kein WhatsApp, keine sozialen Medien und viel weniger Ablenkung. Das hatte den Vorteil, dass man sich sehr stark auf den Wettkampf konzentrieren konnte.

Heute ist alles viel vernetzter. Informationen werden sofort geteilt und die Kandidaten stehen bereits lange vor dem Wettkampf stärker im Fokus. Gleichzeitig bringt das viele Vorteile mit sich. Man kann sich deutlich einfacher mit anderen Teilnehmern, ehemaligen WorldSkills-Kandidaten und Experten austauschen und von deren Erfahrungen profitieren. Die Herausforderung besteht heute darin, die Chancen dieser Vernetzung zu nutzen und trotzdem den Fokus auf die eigene Leistung zu behalten.

WorldSkills 2026 in Shanghai

Die WorldSkills 2026 finden vom 22. bis 27. September 2026 in Shanghai (China) statt.

Für die Schweiz tritt Robin Hollenstein in der Disziplin Maurer an. Begleitet wird er von seinem Experten Ruedi Signer, der selbst 1997 Weltmeister wurde und seit 2005 Schweizer Maurer an internationale Berufsmeisterschaften begleitet.

Warum Ruedi an Robin glaubt

Du begleitest Robin in seinen Trainings. Was zeichnet ihn als Maurer besonders aus?
Ruedi: Robin ist sehr ehrgeizig, zielorientiert und weiss genau, was er will. Besonders beeindruckt mich seine mentale Stärke und seine Fokussierung. Das ist in meinen Augen eine der wichtigsten Voraussetzungen, um an den WorldSkills vorne mit dabei zu sein. Gleichzeitig geht er mit offenen Augen durch die Trainings, beobachtet andere Kandidaten und ist bereit, von ihnen zu lernen. Diese Offenheit ist ein enormer Vorteil für ihn.

Wann hast Du gemerkt, dass Robin das Potenzial für die WorldSkills hat?
Ruedi: Bereits an den SwissSkills 2025 hat sich abgezeichnet, dass Robin das Potenzial für den Schweizermeistertitel hat. Seine Arbeitsqualität war hoch, sein Tempo stimmte und er konnte konstant präzise arbeiten. Genau diese Kombination braucht es auf diesem Niveau.

Ruedi und sein Schützling Robin

Robin goes Shanghai

Robin wirkt von aussen sehr ruhig. Ist er im Training wirklich so gelassen?
Ruedi: Nach aussen wirkt Robin sehr ruhig. Innerlich ist er aber unglaublich ehrgeizig. Wenn ihm ein Fehler passiert, ärgert er sich darüber und spricht das auch an. Genau das gefällt mir. Man kann ihn dort abholen und ihm helfen, den Blick wieder nach vorne zu richten. Wer erfolgreich sein will, darf Fehler nicht verdrängen – man muss daraus lernen und weitermachen.

Robin ist mental sehr stark und fokussiert unterwegs. Das ist eine enorme Stärke und eine wichtige Voraussetzung, um es an die Weltspitze zu schaffen.

Welchen Rat gibst Du Robin mit auf den Weg?
Ruedi: Er soll unbeirrt seinen Weg weitergehen und möglichst viel aus jeder Vorbereitung mitnehmen. Gleichzeitig ist es wichtig, den Wettkampftag immer wieder mental durchzugehen. Sich vorzustellen, wie man arbeitet, wie man mit schwierigen Momenten umgeht und wie man am Ende auf der Bühne steht. Mentale Vorbereitung ist genauso wichtig wie das Training in der Maurerlehrhalle.

Wenn Robin von den WorldSkills nur eine Sache mitnehmen würde – welche sollte das sein?
Ruedi: Ich hoffe natürlich, die Goldmedaille 🥇 Aber noch wichtiger ist, dass er später sagen kann, dass er seine Chance genutzt und seine beste Leistung abgerufen hat.

Was nach den WorldSkills bleibt

Was macht die Arbeit auf dem Bau aus Deiner Sicht auch heute noch spannend?
Ruedi: Dass man etwas erschafft, das bleibt. Noch heute fahre ich an Bauwerken vorbei, an denen ich mitgearbeitet habe. Das macht stolz. In einer immer digitaleren Welt hat es etwas Besonderes, wenn man am Ende des Tages sieht, was man mit den eigenen Händen geschaffen hat.

Was versuchst Du Robin mitzugeben, das über das Maurerhandwerk hinausgeht?
Ruedi: Ich versuche ihm mitzugeben, dass er das ganze Erlebnis bewusst wahrnimmt und geniesst. Die WorldSkills sind eine einmalige Erfahrung. Man lernt Menschen aus der ganzen Welt kennen, sammelt Erinnerungen fürs Leben und entwickelt sich persönlich enorm weiter. Gleichzeitig soll er am Wettkampftag seine beste Leistung abrufen. Wenn er am Ende sagen kann, dass er alles gegeben hat, dann hat er bereits viel erreicht – unabhängig vom Rang.

Wenn man am Ende sagen kann, dass man alles gegeben hat, dann hat man bereits viel erreicht – unabhängig vom Rang.

Speedrunde mit Ruedi

Kaffee oder Feierabendbier?
Feierabendbier. Sonst kann ich nicht mehr schlafen. 😉

Welches Wort beschreibt Dich am besten?
Positivität

Früh aufstehen oder lange aufbleiben?
Früh aufstehen – das ist Berufsbedingt.

Wenn ich eine Woche frei hätte, würde ich …
Mit der Familie ans Meer, Wanderung in die Berge oder eine Motorradtour.

Welche App nutzt Du am häufigsten?
WhatsApp

Was liegt immer in Deinem Auto?
Sonnenbrille und Kaugummis

Welches Emoji verschickst Du am meisten?
😉

Was bringt Dich zum Lachen?
Eine gesellige Runde und humorvolle Menschen.

Welche schlechte Angewohnheit hast Du?
Nasenbohren. 😄

Was war Dein verrücktestes Baustellenprojekt?
Einen hohen Richtturm der Armee mit einer Abbruchkugel die ich wie ein Pendel an den Turm gehängt habe, dann angeschwungen und so zu Fall gebracht habe – ohne Sprengung! Niemand ausser mir hat geglaubt dass es klappt, ich hab’s geschafft und bin bis heute sehr stolz drauf.

Planen oder improvisieren?
Planen

Ohne was gehst Du nie aus dem Haus?
Sonnenbrille 😉

Welche Eigenschaften schätzt Dein Umfeld an Dir?
Dass ich offen, gesellig und positiv bin.

Glück bedeutet für mich …
Glück zu erkennen, anzunehmen und zu geniessen.

Petra Stocker

Kampagnenleiterin Berufsmarketing

Verwandte Artikel