Vom Vize-Europameister zum Coach: Beat Jung über Präzision, Druck und Berufsstolz im Bauhandwerk

Während eines Skills-Trainings in der Maurerlehrhalle in Sursee spricht bauberufe.ch mit Beat Jung, dem ehemaligen EuroSkills-Vizechampion von Lille 2014. Heute begleitet er als Experte junge Maurer-Talente auf ihrem Weg an die EuroSkills. Im Interview erzählt er von Grenzerfahrungen, dem Weg auf das Podest, seiner Faszination für Feinarbeit im Maurerberuf – und warum Respekt für das Handwerk heute wichtiger denn je ist.

Text / Bild: Petra Stocker

Wenn du an Lille 2014 zurückdenkst – was war dein prägendstes Erlebnis?
Beat: Als ich auf dem Podest stand, auf die Leute schaute und einfach unbändige Freude verspürte – das war unvergesslich. Vor allem nach all den Strapazen im Wettkampf. Ich erinnere mich noch genau: Ich musste spontan alle Fugen mit dem Dressiersack füllen, war völlig k.o., aber auf dem Podest fiel der ganze Druck ab. Ich war einfach nur glücklich.

Was hat dich damals motiviert, an den SwissSkills und später an den EuroSkills teilzunehmen?
Beat: Der Maurerberuf ist ja oft als „raue“ Arbeit bekannt, aber mich hat immer die Feinarbeit fasziniert. Deshalb wollte ich mich dieser Herausforderung stellen. Und als ich dann immer weiter kam und schliesslich europaweit Zweiter wurde – das war natürlich eine riesige Freude.

Gab es Momente im Training oder Wettkampf, wo du am liebsten aufgegeben hättest?
Beat: Ja, definitiv. Als das Objekt bekannt wurde, dachte ich zuerst: „Das ist machbar.“ Aber ab der sechsten oder siebten Schicht ging es mir plötzlich nicht mehr auf. Ich fand den Fehler nicht gleich – und fragte mich: „Worauf habe ich mich da eigentlich eingelassen?!“ Trotzdem blieb ich dran, probierte verschiedene Lösungsansätze, fand schliesslich den richtigen Weg – und das motivierte mich weiterzumachen.

Fehler passieren – abhaken und weitermachen.

Beat Jung

Heute: Coach, Mentor und Skills-Botschafter

Du arbeitest heute nicht mehr direkt im Bauhauptgewerbe – engagierst dich aber als Experte. Warum?
Beat: Die Skills-Zeit hat mir unglaublich viel gegeben: Eindrücke, Erfahrungen, Menschen, die man sonst nie trifft. Diese Atmosphäre gibt es sonst nur im Spitzensport. Als ich die Anfrage bekam, Experte zu werden, habe ich sofort zugesagt. Heute junge Menschen wie Mattia zu begleiten, ist für mich eine ganz neue Art von Freude. Ich war bei meinen ersten EuroSkills als Experte fast nervöser als mein Teilnehmer!

Was hast du aus deiner handwerklichen Karriere in deine neue Tätigkeit mitgenommen?
Beat: Ich bin durch meine jetzige Tätigkeit immer noch eng mit der Branche verbunden. Der Unterschied ist: Ich stehe heute als Dozent vor Erwachsenen, nicht mehr vor Jugendlichen. Das bringt neue Herausforderungen, ist aber auch sehr angenehm – der Umgang ist ein anderer.

Wie erlebst du die jungen Talente heute im Vergleich zu früher?
Beat: Die Grundhaltung ist gleich geblieben: Motivation, Zielstrebigkeit, Wille. Was sich verändert hat, sind die äusseren Einflüsse – Medienaufmerksamkeit, Team-Events, Social Media. Die Skills-Welt ist dynamischer geworden.

Wenn die EuroSkills 2025 vom 9. bis 13. September in Herning über die Bühne gehen, wird Beat Jung nicht nur als Experte dabei sein – sondern als stiller Taktgeber im Hintergrund. Einer, der weiss, wie sich Druck anfühlt, was es heisst, im entscheidenden Moment zu liefern, und wie viel Mut es braucht, Fehler einfach loszulassen.
Für Beat ist klar: Die Medaille ist nicht das Einzige, was zählt. Es geht um Entwicklung, Stolz – und darum, jungen Berufsleuten eine Bühne zu geben, auf der sie wachsen können.

Du begleitest Mattia nach Herning. Was ist dir in der Zusammenarbeit wichtig?
Beat: Wichtig ist, dass man einen guten Draht zueinander hat. Die Arbeit macht der Kandidat – aber es muss einfach passen. Ich sehe mich als Trainer und Mentor.

Was kannst du Mattia mitgeben, dass man nicht trainieren kann?
Beat: Die Vorbereitung auf das, was ihn erwartet. Auch die mentale Seite. Cool ist, dass Mattia und Nicola (der Europameister 2023) regelmässig im Austausch sind – das hilft enorm.

Mattia Andrea Plattner Beat Jung Bricklaying EuroSkills 2025 © Stefan Wermuth / SwissSkills

Wenn du ihn mit nur einem Satz vorbereiten müsstest – wie würde der lauten?
Beat: Fehler passieren – abhaken und weitermachen.

Was rätst du jungen Finalistinnen und Finalisten der SwissSkills 2025?
Beat: Gebt Vollgas und geniesst jeden Moment. Solche Situationen sind einzigartig und sehr eindrücklich – sie bleiben ein Leben lang.

Als ich auf dem Podest stand, war ich einfach nur glücklich – der ganze Druck fiel ab.

Beat Jung

Was bleibt – über das Handwerk hinaus

Was hat dir das Bauhandwerk fürs Leben beigebracht?
Beat: Teamwork, Zusammenhalt, Durchhaltevermögen. Und: gute Ratschläge befolgen – etwa den Rücken gerade zu halten. Der Körper wird es dir danken. (grinst)

Was hättest du mit 16 gerne über deinen Beruf gewusst?
Beat: Wie wichtig es ist, auf sich selbst zu achten – körperlich und mental. Man denkt oft, man sei unverwundbar.

Was sagst du Jugendlichen, die sich für den Bau interessieren, aber unsicher sind?
Beat: Unbedingt eine Schnupperlehre machen! Der Beruf ist enorm abwechslungsreich. Und man sollte sich nicht zu schade sein, sich die Hände schmutzig zu machen.

Was müsste sich in der Gesellschaft ändern, damit das Handwerk mehr Wertschätzung erfährt?
Beat: Die Leute müssten mal selbst auf der Baustelle arbeiten – dann hätten sie mehr Verständnis und Respekt.

Die Freude an der Feinarbeit hat mich immer begleitet – trotz der oft grobmotorischen Arbeit auf dem Bau.

Beat Jung

Schnellrunde: Beat privat

Glücklich bin ich, wenn ich zufrieden zu Hause, in den Bergen oder auf dem Velo unterwegs sein kann.

Mein perfekter Sonntag ist in den Bergen, zu Hause oder auf dem Velo.

Mein Spitzname auf der Baustelle war: Bejätel, Benno oder „Beat“ – englisch ausgesprochen.

Mattia wird Europameister, wenn er es voll durchziehen kann, am Tag X seine volle Leistung abruft und in den Flow kommt.

Wenn ich nervös bin, hilft mir tief durchatmen – oder langfristig: in die Berge gehen und in die Weite schauen.

Wenn ich bei den Skills zuschaue, kommen viele alte Erinnerungen hoch.

Etwas, das fast niemand über mich weiss: Ich habe grosse Freude an den Babyvögeln, die bei mir an der Hausfassade geschlüpft sind – und daran, als Maurer ein Holzhaus zu besitzen. (lacht)

Das letzte Mal, dass ich richtig stolz auf mich war, war, als ich das erste Mal in meinem selbst gebauten Haus übernachtet habe – und auf Nicolas Sieg: stolz, dass auch er diese Atmosphäre aufsaugen durfte.

Mein Vorbild ist kein konkretes – früher war es Hermann Maier, der Skifahrer.

Wenn ich mal richtig abschalten will, nehme ich mein Schwyzerörgeli und gehe in die Berge, um Musik zu machen.

Am meisten lachen muss ich, wenn schwarzer Humor im Spiel ist.

Was mich richtig nervt, ist, wenn man nicht ernst genommen wird.

Petra Stocker

Kampagnenleiterin Berufsmarketing

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