Jürg macht den Abschluss

Er ist 33 Jahre alt und stammt aus dem Emmental. Nach zehn Jahren Praxis auf dem Bau schliesst Jürg Schneider im Sommer die Nachholbildung als Strassenbauer ab.

Als Sportschütze weiss Jürg Schneider aus Signau eines genau: Du darfst dein Ziel nie aus den Augen verlieren. Dass der Pfeil im richtigen Leben nicht immer so direkt ins Schwarze trifft wie im Schiessstand, weiss Jürg aus eigener Erfahrung. Denn im Gegensatz zu den jungen Strassenbau-Lernenden an der Berufsfachschule Verkehrswegbauer in Sursee ist er in der Nachholbildung. Das heisst, er hat schon ein Arbeitsleben hinter sich.

Allergie lässt Zukunftspläne platzen

Nach Abschluss der Schule fing Jürg als Bauer an. Doch er merkte bald, dass das nicht seinen Zukunftswünschen entsprach. Holz faszinierte ihn und so entschied er sich für eine Schreinerlehre. Doch im dritten Lehrjahr war Schluss: Eine Holzallergie zwang ihn zum Aufgeben. Mit Anfang zwanzig wusste Jürg nicht recht, wie weiter. «An der Motivation hat es nicht gefehlt», blickt er heute zurück. «Es war eher so, dass ich jemanden gebraucht hätte, der mich unterstützt und berät.»

Kein Plan, aber eine Baustelle

Der Zufall wollte es, dass zu der Zeit die Firma Ge Bau AG aus Langnau i. E. die Zufahrtstrasse auf dem Hof seines Vaters erneuerte. «Ich fragte kurzerhand beim Unternehmer an, ob er Hilfe gebrauchen könne», erzählt Jürg. So kam Jürg zum Strassenbau. «Ich habe schon immer gern draussen gearbeitet, ein Bürojob wäre für mich zu der Zeit nicht in Frage gekommen.» Bei der Ge Bau AG fing er als Handlanger im Tiefbau an. Nach zwei Jahren durfte er bereits allein losziehen und übernahm kleine Baustellen. Jürg: «Ich bin keiner, der gern Berge versetzt. Ich übernehme lieber die feineren Arbeiten, die Sorgfalt verlangen und genau passen müssen. Ich komme auch unter Zeitdruck gut klar.»

Zurück auf die Schulbank

Rückblickend gesteht Jürg: «Mein erster Tag an der Berufsfachschule war ein bisschen schwierig. Ich hab all die jungen Lernenden gesehen und mich gefragt, was ich im Leben falsch gemacht habe.» Doch die Selbstzweifel wichen bald, und Jürg merkte: Die anderen sind nicht gescheiter als er, er ist auch nicht der Älteste in seiner Klasse, und im praktischen Bereich kann ihm eh keiner etwas vormachen. «In der Theorie habe ich eine Menge dazugelernt. Hier in der Nachholbildung weiss jeder, wofür er lernt. Wir sind alle schon etwas reifer und sehr motiviert. Einzig das Lerntempo macht mir manchmal zu schaffen.»

Künftiger Bauführer

Auf dem Bau ein Profi und auch theoretisch bald auf dem neuesten Stand – was ist Jürgs Anreiz, sich noch weiter auszubilden? «Ich habe ja bereits den Gruppenführerkurs gemacht. Von der Vorarbeiterschule erhoffe ich mir, noch besser zu werden im Umgang mit meinem Team. Ich bin gern Teamchef. Ob ich das gut mache, weiss ich nicht so genau», meint Jürg bescheiden. Bis anhin sind auf jeden Fall keine Klagen eingegangen. «Wer weiss, was in ein paar Jahren ist? Vielleicht mache ich eines Tages doch noch die Bauführerschule. Man weiss nie.» Und diesmal fehlt es ihm auch nicht an der nötigen Unterstützung.



(Die Textwerkstatt | B. Magazin)

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