Tunnelbau in Schräglage

Die neue Standseilbahn am Stoos wird von oben nach unten gebaut: Die Tunnelzwischenstücke werden gesprengt. Anschliessend übernehmen die Tunnelvortriebsmaschine und das vierköpfige Team die Feinarbeit – bei einer Steigung von bis zu 110 Prozent nie ohne Seil und Klettergurt.

 Die Standseilbahn Stoos in Kanton Schwyz ist der Zubringer für die rund 150 Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes Stoos. Sie stellt auch deren Grundversorgung sicher und fährt jährlich 7000 Tonnen Material aus Schlattli (571 Meter über Meer) auf die Bergstation Stoos (1275 Meter über Meer). Seit 1933 fährt die Stoosbahn täglich 28 Mal rauf und runter, von sieben Uhr morgens bis halb neun Uhr abends. Bis heute ist die Stoosbahn mit einer Steigung von 37,99 Grand (78,1 Prozent) die steilste Standseilbahn der Schweiz. Mit mehr als 80 Jahren auf dem Buckel wurde es Zeit für Erneuerungen – die Konzession für die bestehende Bahn läuft aus und kann nicht verlängert werden. Im Herbst 2013 starteten die Arbeiten für die neue Stoosbahn – moderne Kabinen mit horizontalem Ein- und Ausstieg, 50 Prozent mehr Kapazität und automatischer Niveauausgleich auf der gesamten Strecke lösen die bisherige Technik ab.

Von oben nach unten

Die ARGE Stoos, bestehend aus den Firmen Implenia Schweiz AG und der Vetsch Klosters, hat den Auftrag, die Strecke inklusive der drei Tunnels und der Schienen zu bauen. Die Berg- und die Talstation der neuen Bahn stehen bereits. Reinhold Boiger von Implenia ist Baustellenchef und hat inzwischen ein Team von 18 Leuten auf dem Stoos: «Ich war der erste hier oben, im Oktober 2013 bezog ich mein Büro im Bademeisterbüro in der alten Badeanstalt neben dem Installationsplatz», erinnert er sich. «Mit dem Laptop und zwei Mitarbeitern fingen wir mit dem Bau der Seilbahn für den Materialtransport an.» Denn die Strecke für die neue Bahn wird von oben nach unten gebaut. Dazu Reinhold Boiger: «Wir arbeiten mit einer Tunnelvortriebsmaschine. Mittels Sprengungen arbeiten wir uns talwärts.» Diese Bauweise ist sicherer, als von unten nach oben zu sprengen. Allerdings auch aufwendiger: Für den ersten der insgesamt drei Tunnels benötigte die ARGE rund ein Jahr: «Im ersten, rund 235 Meter langen Abschnitt konnten wir den Schutter aus den Sprengungen nicht ins Tal leiten und mussten alles aufwendig mit einer Windenbahn nach oben raus transportieren», so Boiger. Mit Wägelchen, wie früher in den Bergwerken.

Blitzschutz und Sturmwarnung

Um überhaupt loslegen zu können, musste aber erst das gesamte Material auf den Stoos gebracht werden. Eine ganzjährige Zufahrtstrasse gibt es nicht. Deshalb wurde eigens eine Materialseilbahn erstellt, die genau über der geplanten Standseilbahnstrecke verläuft. So kann das Material jederzeit zur gewünschten Stelle gebracht werden. Die Bahn kann 7,5 Tonnen heben – das entspricht einer Gondel mit 93 Personen. Mit ihr wurde auch das Baumaterial für die Materialhalle, die Sprengstoff-Bunker und die Werkstattcontainer auf den Stoos geschafft. Die Installation dauerte insgesamt drei Monate. Während der Bauarbeiten fährt die Seilbahn oft mit höherer Kapazität als die Sessellifte auf den Skipisten oben. «Die Seilbahn ist so lange in Betrieb, wie die Sicht gut ist. Im Sommer ist das oft bis zehn Uhr nachts.» Einzig der Wind kann dem Betrieb einen Strich durch die Rechnung machen: «Wir dürfen bis zu Windgeschwindigkeiten von 60 km/h fahren, stellen aber den Betrieb bei 40 km/h ein. Das kam letztes Jahr öfter vor. Die Seilbahn ist zudem mit einem Blitzschutz ausgerüstet, wir hatten schon drei Blitzeinschläge», erklärt Boiger.

Im Schritttempo zur Frauenpower

Nach dem Einrichten und dem Bau des ersten Tunnels ging es zügig voran: Für den zweiten Tunnel wurden Vorbohrungen durchgeführt. «Eine externe Firma hat mit einem kleinen Bohrer vorgebohrt und mit einem Ausweitungsbohrkopf von unten nach oben ein rund 1,80 Meter grosses Loch ausgefräst.» Durch dieses wird nun das gesprengte Material ins Tal geführt. Vor dem Portal des zweiten Tunnels, mitten in der Steilwand, besteht ein Gefälle von 72 Prozent. In gemächlichem Schritttempo fährt der Wagen der elektrisch betriebenen Windenbahn etwas unterhalb der neuen Bergstation los und auf das erste, bereits fertige Tunnelportal zu. Ein letzter Blick auf die Figur der Heiligen Barbara, die Schutzpatronin der Tunnelbauer, die auf keiner Baustelle fehlen darf, und schon geht es in die Tiefe, Richtung Tunnel Nummer Zwei. Nun wird auch klar, wieso man auf der flachen Strecke oben in fast liegender Position im Wägelchen hängt – sobald es in die Steilwand geht, sitzt man nämlich aufrecht im Sitz. Nach rund zehn Minuten langsamen Abstiegs(alles andere wäre schlimmer als auf jeder Achterbahn) kommt die Vortriebsmaschine in Sicht: Sabrina – so wurde sie vom Team getauft – wiegt rund 60 Tonnen, läuft auf Schienen und hängt an zwei Seilen. Sie ist Bagger, Betonspritzmaschine und Bohrgerät in einem. Wenn sie stillsteht, verkantet sie sich zum Absichern in den Gleisen und verkeilt sich an den Tunnelwänden.

Neun Meter mit 600 Kilo Sprengstoff

«Wir können nicht einfach mit verschiedenen Maschinen in den Tunnel fahren, deshalb ist Sabrina so ausgerüstet, dass wir alle Arbeiten mit ihr ausführen können. » So verfügt die Vortriebsmaschine über einen Baggerarm, auf dem man wahlweise die Düse für den Spritzbeton oder eben die Baggerschaufel befestigen kann. Der Arm sowie der Steuerkorb und die Seilwinden werden alle von einer Steuerung aus per Joystick navigiert. Im Moment schafft Sabrina den Schutter, der nach der Sprengung nicht direkt durch das Loch in die Tiefe gerutscht ist, mit der Schaufel ins Loch, danach wird die erste Spritzbetonschicht aufgetragen. Ziel ist es, wöchentlich neun Meter tiefer zu graben. Für jede Sprengung werden 76 Sprenglöcher gebohrt und für drei Meter Vortriebrund 200 Kilo Sprengstoff eingefüllt. Das ergibt ungefähr 250 Kubikmeter Festgestein, das pro Woche weggesprengt wird. Gesprengt wird übrigens mit Patronen, nicht mit Emulsion. Reinhold Boiger: «Sprengstoffemulsion muss bei einer konstanten Temperatur von 20 Grad Celsius gelagert werden, das ist hier oben nicht möglich. Zudem braucht es zwei Komponenten zum Sprengen, die erst im Tank vor Ort gemischt werden. Dazu fehlt uns der Platz im engen Tunnel. Deshalb sprengen wir hier mit Patronen.» Der Sprengstoff und die Zünder lagern in zwei Stahlbetonbunkern oben auf dem Stoos. «Wir dürfen maximal eine Tonne Sprengstoff lagern. Das reicht ungefähr für zwei Wochen.» Im Sommer 2016 geht es an den Bau des dritten Tunnels und dort wird es dann richtig, richtig steil: Mit 110 Prozent Gefälle hält die Standseilbahn dann den Weltrekord für eine Bahn, die auf Schienen von Seilen gezogen wird. Nicht mal Zahnradbahnen klettern so steil.


Text aus dem B. Magazin