Cliffhanger

Mit Pickel, Stemmeisen und 100 Meter Seil steigen sie in schwindelerregende Höhen. Das sind Felstechniker. Einer davon ist Robi Haas.

Mutig, Adrenalinjunkie oder gar ein bisschen lebensmüde? «Ein Job wie jeder andere», meint Robi Haas, 30 Jahre alt und seit acht Jahren bei der Gasser Felstechnik tätig. Gelassen steht er mit seinem Team an der Felswand, rund 40 Meter über dem Steinbruch Kehrsiten nahe Stansstad. Die vier Felsprofis werden heute im Auftrag der Steinbruchbetreiberin die kürzlich gesprengte Felswand von losem Gestein reinigen, damit im Steinbruch weiterhin sicher abgebaut werden kann. Für Polier Robi Haas zählt dies zu den eher einfacheren Aufgaben in seinem Berufsalltag: «Die Reinigung der Felswände bedeutet für mich als Polier keinen grossen administrativen Aufwand, es müssen kein Material bestellt und keine Helikopterflüge organisiert werden.» Auch ist ihr Arbeitsort – die Felswand – innert kürzester Zeit zu Fuss erreichbar. Doch es geht auch anders: «Für Steinschlagverbauungen oder Lawinensicherung kann es vorkommen, dass wir mit der gesamten Ausrüstung noch ein, zwei Stunden zu Fuss zum Arbeitsplatz laufen oder gar mit dem Helikopter in die Wand geflogen werden.»

Hüttenzauber und Teamarbeit

So gesehen scheint es heute wirklich ein einfacher Auftrag zu sein. Ein Blick in den Abgrund zeigt aber: Die Felswand fällt senkrecht in die Tiefe, der Boden ist weit entfernt und überhaupt, wieso wird man Felstechniker? Die vier Jungs der Gasser Felstechnik lachen. «Man muss natürlich gerne klettern. Viele von uns betreiben es als Hobby oder sind Bergführer», erklärt Robi. «Aber das Wichtigste hier ist das Teamwork. Wir müssen uns aufeinander verlassen können. Wir gehen immer mindestens zu zweit.» Die Gruppen wechseln regelmässig, denn häufig sind die Teams für mehrere Tage weit ab von zuhause im Einsatz, übernachten in Camps oder SAC-Hütten: «Da ist es gut, wenn man nach einer Woche mal wieder jemanden anderen vor der Nase hat.» Heute besteht Robis Team aus Peter Zumbühl, Beni von Ah und Toni Gamma. Schon beim Anlegen der Ausrüstung wird schnell klar: Die vier verstehen sich ohne viele Worte, legen in ruhiger Gelassenheit ihren Klettergurt an, prüfen die Karabiner und verpacken ihre Seile gewissenhaft im Rucksack.

Alles an seinem Platz

«Jeder hat seine eigene Ausrüstung», erklärt Robi. «Am Abend werden die Seile im Werkhof überprüft und kaputte oder angescheuerte Stellen abgeschnitten.» Ein Seil ist zu Beginn 100 Meter lang. Einmal im Jahr wird die gesamte Ausrüstung vom Sicherheitsbeauftragten der Gasser Felstechnik geprüft. Die Klettergurten sind extra für die Felsarbeit konzipiert. Sie sind fester als die Ausrüstung zum Freizeitklettern. Und schwerer. Da hängt eine ganze Menge Material am Gurt: «Bei mir ist alles immer am selben Platz, dann muss ich nicht lange suchen. Das Taschenmesser immer links in der Hose, die Karabiner verteilt.» Denn bei der Arbeit am hängenden Seil muss es unter Umständen schon mal schnell gehen.

Zur Sicherheit nimm zwei

Nach einer halben Stunde ist es soweit: Die Ausrüstung sitzt, die Rucksäcke sind gepackt, die Pickel und Stemmeisen geschultert. Es geht los zur Ausgangsstelle am Fels über dem Steinbruch. Dort wurden bereits die ersten Verankerungen für die Seile angebracht. Robi und seine Jungs müssen sich nur noch einhaken. Später am Tag wird Toni neue Verankerungen für die nächste Felswand anbringen. Seine Kollegen verlassen sich dabei auf seine Erfahrung und sein Wissen. Die Verankerungen werden halten. Dann stellen sich die vier mit dem Rücken zum Abgrund an den Rand: «Jeder von uns hängt immer an zwei Seilen, dem Arbeitsseil und dem Sicherheitsseil. Wir arbeiten parallel nebeneinander in der Wand, keiner sollte tiefer hängen als die anderen. So ist jeder sicher vor herunterfallendem Gestein.» Helm und Schutzbrille gehören ebenso zur Ausrüstung wie die gut sichtbare Kleidung mit zahlreichen Reflektoren. Langsam arbeiten sich die Felstechniker Schritt für Schritt in die Tiefe und verschwinden allmählich über der Felskante im Abgrund.

Pickeln, stemmen, schwingen


«Man kann vorher nie sagen, wie schnell man vorwärts kommen wird. Das kommt auf das Gestein und die Beschaffenheit der Wand an.» Robi und sein Team hängen mit ihren Arbeitsgeräten am Seil: Mit Pickel und Stemmeisen lösen sie das lockere Gestein, die Brocken fallen in die Tiefe. Meter für Meter arbeiten sich die Felstechniker nach unten. Dabei lösen sich Felsteile von beachtlicher Grösse und donnern auf den Boden des Steinbruchs. Bei der Arbeit achten die vier darauf, in gleichem Tempo vorwärtszukommen. Jeder reinigt die Wand auf einer Breite von ungefähr zwei Metern und bewegt sich dabei behände schwingend von der einen auf die andere Seite. Nach etwas mehr als einer Stunde ist die erste Etappe geschafft und Robi und sein Team haben wieder festen Boden unter den Füssen. Unten werden sie bereits von einem Steinbruch-Mitarbeiter erwartet, der sie mit dem Transporter wieder zur Ausgangsstelle hochfährt. «Das ist heute sehr feudal. Oft müssen wir selber wieder hochklettern. Das ist trotz automatischer Winde deutlich anstrengender, als gefahren zu werden …»

Täglich eine Stunde Joggen

Vor der Mittagspause schaffen die Jungs noch eine weitere Etappe. «Bei dieser Arbeit ist der Zeitdruck nicht so gross wie bei anderen Aufträgen. Wenn wir zum Beispiel für die SBB arbeiten, läuft die Zeit. Da haben wir oft auch Nachtund Wochenendeinsätze.» Im Steinbruch hingegen ist man ein bisschen flexibler. Da bleibt auch Zeit, um nach Robis beruflichem Werdegang zu fragen: «Ich habe ursprünglich Schlosser gelernt. Danach habe ich mich bei der Gasser Felstechnik beworben. Sobald ich wusste, dass ich dort anfangen kann, ging ich während sechs Wochen jeden Tag eine Stunde joggen. Ich dachte, ich müsse noch ein bisschen fitter werden.» Seine Sorge um die Fitness war unbegründet. «Natürlich muss man gut in Form sein. Aber das kommt mit der Zeit von selber.» Nach zwei Jahren Arbeit bei der Gasser Felstechnik machte Robi eine Zusatzausbildung als Maurer, anschliessend die Vorarbeiter- und Polierschule. «Die Maurer- Ausbildung hat mir viel Hintergrundwissen eingebracht, das ich tagtäglich brauchen kann.» Seit acht Jahren ist er nun in der Abteilung Felssicherheit. Doch Robi bleibt nicht stehen – er hat schon neue Pläne: Nächstes Jahr macht er eine Weiterbildung und wechselt in die Abteilung Sprengbetriebe. Aber eines weiss der junge Familienvater schon jetzt: «Ich werde das Klettern vermissen!»

Text aus dem B. Magazin