Strassenbau Asia-Style

18.05.2017

Wie eine Töff-Tour von Bauunternehmer Walo Bertschinger dazu führte, dass Christoph Gobetti von der Berufsfachschule Sursee plötzlich überbetriebliche Kurse im Königreich Bhutan in Asien abhält.

Der Anfang ist schnell erzählt: Vor drei Jahren ging der Bauunternehmer Walo Bertschinger auf Töff-Tour durch Bhutan. Bhutan ist ein Königreich, das im Süden an Indien und im Norden an Tibet grenzt. Von der Grösse her ist Bhutan etwa gleich gross wie die Schweiz, allerdings liegen 80 Prozent des Landes auf über 2000 Metern Höhe. Der höchste Berg des Landes ist denn auch ein bisschen grösser als unsere Eiger, Mönch und Jungfrau: Mit 7570 Metern ist der Gangkhar Puensum der höchste Berg der Welt, der noch nie von einem Menschen bestiegen wurde. Das hat seinen Grund: In Bhutan sind die Berge heilig. Sie gehören den Göttern und dürfen nicht bestiegen werden. Auch dürfen keine Tunnels gebaut werden. Das würde die Götter erzürnen. So führt der National Highway, die Hauptstrasse Bhutans, rund 250 Kilometer durch das Land, in vielen Bogen rund um die Berge. Auf dieser war auch Walo Bertschinger unterwegs, bis ihn eine Töffpanne zu einem unfreiwilligen Halt vor den Toren des Technical Training Institute Chumey (TTIC) zwang. Das TTIC ist ungefähr das Gegenstück zur Berufsfachschule in Sursee. Nur ein bisschen anders.

LEHRE OHNE LEHRBETRIEB
Eine Strassenbauer-Ausbildung wie bei uns gibt es in Bhutan nicht. Die Lernenden am TTIC machen eine zweijährige Ausbildung. Sie sind aber nicht in einem Lehrbetrieb angestellt. Sie wohnen, essen, schlafen und arbeiten während der ganzen zwei Jahre am Institut in Chumey. Dort werden sie von Instruktoren in Praxis und Theorie ausgebildet. Ab und zu gehen sie klassenweise auf eine Baustelle in der Nähe und helfen aus. Von den Lernenden, die alle zwischen 16 und 25 Jahre alt sind, sind die Hälfte Mädchen. Ein weiterer Unterschied zu uns in der Schweiz. Als sein Töff nicht mehr weiterlaufen wollte, wurde Walo Bertschinger vom Principal – also vom Schulleiter des TTIC – zu einer Führung durch das Institut eingeladen. Im Gespräch mit den Lernenden stellte Bertschinger fest, dass die Arbeit als Strassenbauer bzw. Maurer in Bhutan nicht sehr angesehen ist. Keiner ist stolz auf seinen Beruf und die wenigsten haben nach Abschluss der zweijährigen Ausbildung eine Arbeitsstelle. Denn für die Strassenbauarbeiten werden in Bhutan fast immer indische Wanderarbeiter engagiert. All diese Umstände fand Bertschinger als stolzer Bauberufsmann nicht optimal und beschloss, dass hier geholfen werden muss.

VON SURSEE NACH CHUMEY
Es brauchte einige weitere Besuche des Bauunternehmers in Bhutan sowie die Unterstützung vom Hilfswerk Helvetas, das in Bhutan mit verschiedenen Bauprojekten tätig ist. Ziel ist, die Bedingungen am TTIC zu verbessern – zum Beispiel mit gutem Werkzeug – und die Instruktoren und Lernenden für den Beruf zu motivieren. Als erster Schritt sollte ein Profi von der Berufsfachschule Sursee zusammen mit einem Lernenden nach Bhutan reisen: Christoph Gobetti, Ausbildner überbetriebliche Kurse in Sursee, und Reto Fries, Strassenbaulernender der Walo Bertschinger AG, packten die Koffer und machten sich auf die lange Reise nach Bhutan. Um von der Hauptstadt nach Chumey zu kommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Man nimmt einen Inlandflug nach Jakar. Das Problem: Es wird nur auf Sicht geflogen und das auch nicht jeden Tag. Mit dem Auto braucht man für die rund 150 Kilometer lange Strecke von Jakar nach Chumey ungefähr 20 Stunden – man muss also genügend Reisezeit einrechnen. Gobetti und Fries erkundeten den Landweg und hatten so genügend Zeit, Land, Leute und das Klima kennenzulernen. «Wir sind zum Glück nach Ende der Regenzeit gekommen und hatten jeden Tag schönes Wetter. Allerdings fielen die Temperaturen schon mal unter null Grad. Die Gebäude in der Schule sind nicht geheizt, deshalb haben wir tagsüber den Unterricht nach draussen an die Sonne verlegt», erzählt Christoph Gobetti.

BAUEN, MIT DEM, WAS DA IST

«Nach unserer Ankunft am Institut machte ich mir erst einmal ein Bild von dem, was vorhanden ist. Wir wollten mit den landeseigenen Materialien arbeiten.» Der Principal des TTIC stellte für die Schweizer Delegation eine Klasse zusammen, bestehend aus je 12 Schülern aus Chumey und einem anderen TTI aus Dekiling. Bei Kursbeginn fehlten allerdings die 12 Schüler aus Dekiling. Sie waren noch unterwegs – wie gesagt, die Strassen in Bhutan können tückisch sein. Gobetti startete den Unterricht, wie er das auch hier in Sursee macht, im Klassenzimmer. «Zuerst zeigte ich den Lernenden mit einer kurzen Präsentation, wie wir in der Schweiz bauen. Im Anschluss zeichnete ich mit ihnen zusammen einen Plan für das Objekt, das wir erstellen wollten.» Einen Plan? Das war ganz neu für die Lernenden. Auch neu war das Objekt, der Schacht mit Durchlaufrinne. «In Bhutan gibt es zwar Schächte. Die funktionieren aber meist nicht, da viele Rohre hinein und eines hinausführt, es aber keine Rinnen gibt.» Nach der Arbeitsvorbereitung wurde die Halle für die überbetrieblichen Kurse auf Vordermann gebracht und eine Linie abgesteckt. Auch das war ein Novum für die Bhutaner. Bis jetzt wurde wild durcheinander gebaut, es gibt keine Vorschriften.

REIS, REIS UND ZUM GLÜCK EIN MOMO
Am zweiten Tag sind auch die Schüler aus dem Süden dabei. Gobetti und Fries zeigen jeweils die Arbeit an ihrem Objekt vor und lassen die Lernenden in Gruppen arbeiten. Nach jedem Arbeitsschritt wird kontrolliert und Punkte vergeben. «Wir haben zusammen mit den Lernenden die Arbeiten begutachtet und bewertet. Das kannten sie vorher nicht, es gab keinerlei Feedback von den Instruktoren.» Zum Mittagessen fanden sich alle im Speisesaal des Instituts ein. «Das Hauptnahrungsmittel ist Reis. Es gab jeden Tag Reis», erinnert sich Reto Fries. «Dazu meist ein Gemüse und Kartoffeln. Das gilt in Bhutan auch als Gemüse. Manchmal gab es auch etwas Fleisch, das war sehr fettig.» Gerne wird auch Chili serviert, davon liessen die Schweizer aber meist die Finger. «In den Pausen am Vormittag wurden uns Momos serviert, das sind gefüllte Teigtaschen, die äussert lecker sind», schwelgt Christoph Gobetti. Am Ende des Kurses nach einer Woche trommelte der Schulleiter alle anderen Lernenden aus den Bereichen Sanitär und Schweissen sowie die Zimmerleute zusammen zur Besichtigung der fertigen Objekte. «Die Bhutaner sind sehr zurückhaltende Menschen. Als aber alle Schüler zur Besichtigung kamen, hat einer unserer Lernenden sich nach vorne gestellt und stolz die Arbeiten am Objekt erklärt. Das hat auch mich etwas stolz gemacht», so Gobetti.

REALE CHANCEN AUF EINEN BERUF
Für Christoph Gobetti und Reto Fries waren die Wochen in Bhutan eindrücklich. Was haben sie mitgenommen? Reto: «Am meisten haben mich die Lernenden beeindruckt. Wie sie angepackt haben! Alle Arbeiten werden von Hand gemacht, mit der Schaufel und dem Pickel, jeden Tag und ohne einmal zu jammern. Da können wir uns wirklich ein Stück davon abschneiden.» Auch Gobetti erinnert sich gerne an die Menschen: «Was wir von den Bhutanern lernen können, ist ihre Freundlichkeit und den Umgang untereinander. Was unsere Arbeit und die Nachhaltigkeit des Projektes betrifft, ist es im Moment vielleicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Wir können nicht den Staat ändern, der ganz anders funktioniert als die Schweiz. Wir können aber dafür sorgen, dass das TTIC eine bessere Infrastruktur bekommt und es so möglich ist, die Lernenden gut auszubilden. Wir können auch dafür sorgen, dass sie eine Chance auf eine Anstellung nach der Lehre haben.» Eine weitere Reise von der BFS ans TTIC ist geplant. Dieses Mal mit Werkzeugkisten für die Lernenden. Auch sollen künftig ausgewählte Instruktoren des TTIC für ein paar Wochen an die Berufsfachschule Sursee kommen und einen Einblick bekommen, wie die Schule und die überbetrieblichen Kurse hier ablaufen. Diese Idee besteht erst auf dem Papier, wird aber nach dem vielversprechenden Start des Projektes hoffentlich bald Formen annehmen.

Text aus dem B. Magazin